top of page

«Gendermedizin ist keine Frauensache»

  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Osteoporose gilt als typische Frauenkrankheit – und wird bei Männern deshalb oft zu spät erkannt. Gleichzeitig können Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern. Wie Gendermedizin von der Forschung in die Praxis und Politik kommt und warum das die Versorgung verbessert, erklärt die Ärztin und Nationalrätin Bettina Balmer.


Dr. med. Bettina Balmer im Interview mit Marita Fuchs

Frau Balmer, Sie sind Kinderchirurgin am Kinderspital Zürich, Nationalrätin und Präsidentin der FDP Frauen Schweiz. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Bettina Balmer: Sehr viel. In meinem Alltag als Ärztin sehe ich sehr konkret, wo im Gesundheitswesen der Schuh drückt und wo wir ansetzen können, damit medizinische Versorgung qualitativ hochstehend und bezahlbar ist. Und als Politikerin kann ich dies dorthin tragen, wo Regeln entstehen und Geld zugeteilt wird. Gleichzeitig merke ich immer wieder, dass medizinisches Wissen, das für uns im Spital selbstverständlich ist, in der Bevölkerung und auch in der Politik teilweise gar nicht vorhanden ist. Wenn ich im Parlament 245 Ratsmitglieder erreiche, die alle wieder eine Verstärkerfunktion haben, ist das eine grosse Chance.


Ein Beispiel?

Gendermedizin. Oder vielleicht besser: individualisierte Medizin. Das Wort Gender löst gerade bei bürgerlichen Politikerinnen und Politikern rasch Abwehrreflexe aus. Da ist die Debatte manchmal zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat. Wenn ich aber sage: Wir wollen Medizin genauer auf den einzelnen Menschen ausrichten, dann verstehen viele sofort, worum es geht.


Sie umgehen also den Begriff, um die Sache voranzubringen?

Ich würde sagen: Ich übersetze ihn. Als Politikerin weiss ich, der Name oder – wenn man so will - das «Label» ist zentral. Wenn man etwas in der Bevölkerung verankern will, braucht es ein Wort, das nicht zuerst Widerstand auslöst. Gendermedizin meint ja nicht einfach: Frauen sind anders als Männer. Es geht um biologische Unterschiede, aber auch um Rollenbilder, Lebensbedingungen, Gesundheitsverhalten und gesellschaftliche Erwartungen. Das steckt im englischen Wort Gender drin, lässt sich auf Deutsch aber nicht so leicht übersetzen.


Was heisst das konkret in der Medizin?

Im Kinderspital berechnen wir Medikamente bei Kindern sehr genau nach Gewicht. Bei Erwachsenen geben wir dagegen oft eine Einheitsdosis: Mann, Frau, 50 Kilo, 120 Kilo – alles gleich. Das kann doch nicht die Zukunft sein. Eine zierliche Frau und ein schwerer, muskulöser oder adipöser Mann verarbeiten Medikamente nicht automatisch gleich. Wir müssen genauer hinschauen.


Sie sagen also: Medizin ist noch immer zu ungenau?

Ja. Wir sprechen viel von Präzisionsmedizin, aber im Alltag behandeln wir gelegentlich erstaunlich unpräzis. Dabei wissen wir längst, dass Körperbau, Fett- und Muskelanteil, Hormone, Enzymaktivität oder der Stoffwechsel die Wirkung der Medikamente beeinflussen.


Auf welche Medikamente trifft das zu?

Ein Beispiel sind Immunsuppressiva: Sie werden bei Frauen schneller abgebaut, Frauen bräuchten für dieselbe Wirkung also eher mehr davon als Männer. Bei gewissen Blutdrucksenkern ist es umgekehrt: Männer bauen sie schneller ab, Frauen können mit einer männlich geprägten Dosierung eher überdosiert sein. Bei einigen Schlafmitteln wie Zolpidem zum Beispiel wurde festgestellt, dass Frauen den Wirkstoff durchschnittlich langsamer abbauen. Dadurch waren am nächsten Morgen noch höhere Wirkstoffspiegel vorhanden, was das Risiko für Müdigkeit und Verkehrsunfälle erhöhte. Deshalb wurden in einigen Ländern niedrigere Anfangsdosen für Frauen empfohlen. Auch bei bestimmten Herzmedikamenten, Antidepressiva und Schmerzmitteln können geschlechtsspezifische Unterschiede klinisch relevant sein.


Gendermedizin wird oft als Frauenthema wahrgenommen. Ist das falsch?

Ja, das ist zu eng gefasst. Männer profitieren genauso. Ein gutes Beispiel ist die Osteoporose. Viele halten sie für eine klassische Frauenkrankheit. Dabei sind auch Männer betroffen, häufiger, als man lange dachte. Wenn ihr Testosteron im Alter sinkt, kann auch bei Männern die Knochendichte abnehmen. Wer nur an Frauen denkt, übersieht also hier die Männer.


Müsste man also lediglich die Dosierungen anpassen?

Das würde nicht ausreichen, weil Medizin immer auch mit Verhalten, Sprache und Erwartungen zu tun hat. Eine Anamnese ist enorm wichtig; als Faustregel sagt man, sie macht in der Regel 60-80 Prozent der Diagnose aus. Wenn eine Patientin ihre Beschwerden anders schildert, wenn sie nicht ernst genommen wird oder wenn ein Arzt oder die Ärztin bestimmte Signale nicht richtig einordnet, geht Information verloren. Dann ist die Medizin schlechter, obwohl vielleicht alle Laborwerte stimmen.


Das heisst: Die Sprechstunde selbst ist Teil des Problems?

Sie kann Teil des Problems sein, ja. Frauen treten in der Anamnese unter Umständen anders auf als Männer. Das sind keine Nebensächlichkeiten. Wenn Ärztinnen und Ärzte das wissen, fragen sie anders, hören anders zu und kommen schneller zu den Informationen, die sie brauchen.


Was müsste sich in der Ausbildung ändern?

Gendermedizin muss selbstverständlich werden. Wenn Unterschiede in den Arzneimittelinformationen stehen, lernen Studierende sie automatisch. Das hätte einen Pop-up-Effekt. Dazu braucht es Lehrstühle, Lehrveranstaltungen und Menschen, die das Thema im Alltag der Medizin vertreten. Zürich hat mit dem ersten Lehrstuhl für Gendermedizin einen wichtigen Schritt gemacht, Bern ebenfalls. Aber bis so ein Wissen wirklich in der Klinik ankommt, dauert es.


Und wie bringen Sie das politisch voran?

Über Aufklärung, über parlamentarische Arbeit und über Aufteilung von Finanzierungen. Ich habe dazu bereits einen Roundtable mit dem BAG organisiert. Zudem sind wir daran, eine parlamentarische Gruppe zur Frauengesundheit aufzubauen. Wenn Studien gut designt sind, sollten Genderaspekte bei der Vergabe von Geldern stärker berücksichtigt werden. Das ist sinnvoll investiertes Geld.


Warum sollte das auch jene überzeugen, die mit Gleichstellungspolitik wenig anfangen können?

Weil bessere Medizin bessere Resultate bringt. Wenn wir Medikamente richtig dosieren, haben Patientinnen und Patienten weniger Nebenwirkungen und bessere Wirkungen. Weniger Nebenwirkungen bedeuten weniger Folgekosten. Das ist eine logische Kausalkette. Man muss nicht zuerst ideologisch überzeugt sein, um zu sehen, dass das vernünftig ist.


Wenn Sie einen politischen Entscheid sofort umsetzen könnten: Welcher wäre es?

Ich würde wollen, dass individualisierte Medizin im Gesundheitswesen eine etablierte Grösse wird. Sie soll kein Spezialthema bleiben, sondern ein selbstverständlicher Parameter in Forschung, Ausbildung und klinischer Praxis.

 

Interview: Marita Fuchs


 
 
Logo of the Swiss Gender Medicine Symposium including male and female gender symbol

Kontakt:

TELEFON:

E-MAIL:

KORRESPONDENZADRESSE:

Universität Zürich

Universitäre Medizin Zürich UMZH

Direktion UMZH

Künstlergasse 15  

CH - 8001 Zürich

  • LinkedIn
  • Instagram
  • Facebook

SOCIAL MEDIA:

Möchten Sie mehr über das Swiss Gender Medicine Symposium erfahren?

Gerne können Sie sich für unseren Newsletter anmelden.

Sprache
Deutsch
Englisch
Französisch

Copyright © 2026 Swiss Gender Medicine Symposium. Alle Rechte vorbehalten | DATENSCHUTZRICHTLINIE IMPRESSUM

bottom of page