Männergesundheit - «Viele Männer wollen Helden sein»
- 6. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Männer sterben früher, suchen seltener Hilfe und suizidieren sich deutlich häufiger als Frauen – und doch bleibt Männergesundheit oft ein Randthema. Der Psychotherapeut und Forscher Andreas Walther erklärt, weshalb traditionelle Männlichkeitsbilder gefährlich werden können und was Medizin, Therapie und Umfeld tun müssen, damit Männer rechtzeitig Unterstützung finden.
Text: Marita Fuchs, freischaffende Journalistin

Herr Walther, Sie forschen zu Männergesundheit, Depression und Suizidalität. Warum gerade dieses Thema?
Andreas Walther: Ausgangspunkt war die Forschung zu biologischen Veränderungen bei Männern, etwa zum Testosteronabfall ab dem mittleren Lebensalter. Doch schnell wurde klar: Entscheidend ist nicht nur die Physiologie, sondern auch die Psyche. Männer suchen bei psychischen Problemen oft erst sehr spät Hilfe. Dadurch werden Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen häufig erst erkannt, wenn der Leidensdruck bereits enorm ist – obwohl vieles vermeidbar wäre.
Meine Forschung hat auch einen persönlichen Hintergrund. Mein Vater hatte eine Depression und ist nach einem Suizidversuch gestorben. Das war vermutlich ein früher Kern meines Interesses: Was hätte er gebraucht? Wer hätte sehen können, wie schlecht es ihm ging? Später, in der klinischen Psychologie und Forschung, habe ich gemerkt, dass psychologische Faktoren wie Männlichkeitsvorstellungen oft mehr erklären als biologische Variablen. Traditionelle Maskulinitätsideologien – also Vorstellungen davon, wie ein Mann zu sein hat – hängen sehr konsequent mit Depression, Suizidalität, Substanzkonsum und Einsamkeit zusammen.
Diese Männlichkeitsvorstellungen sind doch überholt. Die Jungen sind heute offener.
Da täuscht man sich leicht – vor allem, wenn man sich in einer offenen, urbanen Bubble bewegt. Natürlich gibt es junge Männer, die sehr reflektiert über Gefühle und Therapie sprechen. Gleichzeitig zeigen Studien: Traditionelle Männlichkeitsnormen sind weiterhin stark verbreitet. Im Internet gibt es zudem die sogenannte Manosphere – Netzwerke und Influencer, die extrem dysfunktionale Männlichkeitsbilder verbreiten. Das sind keine Randerscheinungen. Wenn solche Inhalte riesige Resonanz finden, sind sie Seismografen gesellschaftlicher Strömungen.
Was ist daran so gefährlich?
Ideale kann man nie vollständig erfüllen. Wenn ein Mann glaubt, er müsse immer stark, dominant, erfolgreich und unverletzlich sein, kann das eine Zeit lang sogar belohnt werden – im Beruf, in Beziehungen, gesellschaftlich. Aber in Krisen wird dieses Modell brüchig. Wenn Beziehungen zerbrechen, Kinder sich entfernen, der Job wegfällt oder Einsamkeit sichtbar wird, fehlt oft die Fähigkeit, Hilfe anzunehmen oder sich anzuvertrauen. Dann wird aus einem vermeintlichen Stärkeideal ein Risiko.
Männer sterben durch Suizid zwei- bis viermal häufiger als Frauen. Warum löst das nicht mehr Alarm aus?
Genau das ist der Skandal. Weil es historisch schon immer so war, haben sich viele daran gewöhnt. Bei anderen Gruppen würden wir sofort sagen: Da müssen wir dringend handeln. Männer haben im Durchschnitt eine kürzere Lebenserwartung, höhere Suizidraten und suchen seltener Hilfe. Das muss viel stärker geschlechtsspezifisch angeschaut werden – auch in der Suizidprävention.
Wie äussert sich denn eine Depression beim Mann?
Das klassische Bild der Depression – Rückzug, Antriebslosigkeit, depressive Stimmung – trifft nicht immer zu Beginn zu. Viele Männer reagieren zunächst mit Anspannung, Reizbarkeit, exzessiver Arbeit, viel Sport oder auch Alkohol- und Substanzkonsum. Sie werfen noch einmal alles hinein, statt sich einzugestehen: Ich kann nicht mehr. Im Hintergrund kann dennoch eine Depression stehen. Wenn Fachpersonen nur nach den klassischen Symptomen suchen, übersehen sie diese Männer leicht.
Welche Rolle spielen Hausärztinnen und Hausärzte?
Eine sehr wichtige. Sie sind Gatekeeper. Viele Männer gehen eher zum Hausarzt als direkt in eine psychotherapeutische Praxis. Darum brauchen Ärztinnen und Ärzte Instrumente, um auch männertypische oder externalisierende Depressionssymptome zu erkennen. Wir haben beispielsweise die australische «Male Depression Risk Scale» ins Deutsche übersetzt und validiert. Kombiniert mit klassischen Depressionsfragebögen kann sie helfen, Männer besser einzuschätzen – auch in einer kurzen Konsultation.
Viele Männer würden vielleicht eher mit einer KI sprechen als mit einer Therapeutin. Ist das Chance oder Risiko?
Beides. KI kann ein guter Einstieg sein, weil sie anonym und niedrigschwellig ist. Viele Männer sind technikaffin und stellen dort vielleicht zum ersten Mal Fragen: Bin ich depressiv? Was kann ich tun? Die Modelle können psychoedukativ schon viel leisten. Aber eine Depression behandelt man nicht allein durch Informationen. Man muss ins Handeln kommen, Rückschläge einordnen, begleitet bleiben. Dafür braucht es Menschen – Fachpersonen, Beziehung, Kontinuität. KI kann die Tür öffnen, aber sie ersetzt nicht den Weg durch die Therapie.
Therapie ist wichtig, aber helfen nicht auch pharmazeutische Mittel, Sie sprachen oben von Testosteron?
Mein Team und ich an der Universität Graz arbeiten weiter an männerspezifischen pharmakologischen und psychotherapeutischen Ansätzen. Beim Testosteron wissen wir: Es kann antidepressiv wirken, aber es ist nicht die ganze Lösung. Uns interessieren auch soziale Verbindung und ihre neurobiologischen Grundlagen, etwa Oxytocin. Geplant sind klinische Studien, in denen wir bei depressiven Männern Oxytocin mit spezifischer Psychotherapie kombinieren. Gleichzeitig erforschen wir Bewegung und Psychotherapie – zum Beispiel, wie körperliche Aktivität Menschen dabei helfen kann, wieder mehr positiv erlebte und motivierende Aktivitäten in ihren Alltag einzubauen.
Wenn Sie in der Gendermedizin einen blinden Fleck benennen müssten – welcher wäre das?
Die sozialen Strukturen von Männern. Darüber sprechen wir noch zu wenig. Wir reden über Hormone, Diagnosen, Therapie – alles wichtig. Aber wenn Männer sozial besser eingebettet sind, sinken Risiken für Depression, Sucht, Angst und Suizidalität. Viele Männer wollen Helden sein, übernehmen sich, wollen alles allein tragen. Und dann gehen sie unter. Mein Anliegen ist, dass wir das sehen, ohne daraus ein Konkurrenzthema zu machen. Frauen haben andere Belastungen, Männer haben ihre. Es geht nicht um ein Nullsummenspiel, sondern darum, genauer hinzuschauen.
Fragebogen zur Einschätzung für Hausärztinnen und Hausärzte
Viele Männer gehen eher zum Hausarzt als direkt in eine psychotherapeutische Praxis. Die MDRS-22 (Male Depression Risk Scale) ist ein wissenschaftlicher Fragebogen zur Früherkennung von Depressionen bei Männern. Im Gegensatz zu klassischen Tests achtet die MDRS-22 besonders auf "männliche" Warnzeichen wie Wut, Aggression, Drogenkonsum, Risikoverhalten und emotionale Verschlossenheit. Das Team um Andreas Walther hat den Fragebogen ins Deutsche übersetzt und validiert. Kombiniert mit klassischen Depressionsfragebögen kann sie helfen, Männer besser einzuschätzen - auch in einer kurzen Konsultation..



