«Geschlecht ist ein wichtiger Faktor – aber nur einer von mehreren»
- 29. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Die Gendermedizin verändert den Blick auf Forschung und Versorgung. Doch ihr Ziel ist nicht, Menschen auf ihr Geschlecht zu reduzieren. Vielmehr soll die Medizin genauer auf die einzelne Person zugeschnitten werden, sagt Sabine Oertelt-Prigione.
Text: Marita Fuchs, freischaffende Journalistin

Frau Oertelt-Prigione, macht sich die Gendermedizin irgendwann selbst überflüssig?
Sabine Oertelt-Prigione: Langfristig wollen wir verstehen, welche Therapie für die einzelne Person am besten geeignet ist – abhängig von Alter, Lebensphase, Stoffwechsel und weiteren biologischen sowie sozialen Einflüssen. Dazu gehören sowohl das biologische Geschlecht (Sex), also etwa Chromosomen, Hormone oder der Stoffwechsel, als auch das soziale Geschlecht (Gender), das unsere Rollen, Lebensbedingungen und Verhaltensweisen prägt. Beides beeinflusst Gesundheit – oft gleichzeitig.
Wenn Sex und Gender wichtig sind – warum reicht das trotzdem noch nicht aus?
Weil Geschlecht allein schnell zu pauschal wird. Frauen sind keine homogene Gruppe, Männer ebenso wenig. Eine 35-jährige und eine 75-jährige Frau unterscheiden sich biologisch und sozial oft stärker als zwei gleichaltrige Menschen unterschiedlichen Geschlechts. Mit dem Alter verändern sich Hormone, Stoffwechsel, Begleiterkrankungen und auch die sozialen Lebensumstände – all das beeinflusst, wie Krankheiten entstehen, erkannt und behandelt werden.
Nehmen wir zwei 75-Jährige, eine Frau und einen Mann: Beide haben Diabetes und Bluthochdruck. Trotzdem können sie Medikamente unterschiedlich verarbeiten, unterschiedliche Begleiterkrankungen haben oder unterschiedlich gut im Alltag unterstützt werden. Alter, Geschlecht und soziale Lebensumstände wirken zusammen. Deshalb führt die Zukunft nicht zu einer Medizin für Frauen oder Männer, sondern zu einer Medizin für die einzelne Person.
Wie kommen wir diesem Ziel näher?
Wir müssen an mehreren Stellschrauben gleichzeitig drehen: Geschlechtersensible Forschung muss von Anfang an mitgedacht werden. Schon bei der Planung einer Studie sollte klar sein, wer eingeschlossen wird und ob die Daten getrennt nach Sex und Gender ausgewertet werden. Ebenso wichtig ist Transparenz in wissenschaftlichen Publikationen. Nur dann lässt sich beurteilen, für wen Ergebnisse gelten.
Viele Forschende befürchten zusätzlichen Aufwand. Was könnte sie trotzdem überzeugen?
Am überzeugendsten sind Beispiele aus der Forschung. Oft reicht ein genauerer Blick auf die Daten. Ein Kollege erforschte mithilfe von Videoaufnahmen, wie sich Menschen mit Parkinson bewegen. Erst als er seine Studiengruppe ausgewogener zusammensetzte und gleich viele Frauen wie Männer einbezog, erkannte er Unterschiede im Bewegungsverhalten, die zuvor verborgen geblieben waren. Das zeigt: Geschlechtersensible Forschung ist kein Selbstzweck und nicht einfach zusätzlicher Aufwand. Sie verbessert die Qualität wissenschaftlicher Erkenntnisse – und damit auch die medizinische Versorgung.
Forschung ist das eine – Wie gelangt dieses Wissen möglichst schnell in die Versorgung?
Vor allem über die Ausbildung und über medizinische Leitlinien. Studierende müssen lernen, wann Geschlecht medizinisch relevant ist – und wann vermeintliche Unterschiede eher auf Stereotypen beruhen. Leitlinien wiederum übersetzen Forschung in die Praxis. Geschlechtersensible Medizin ist kein Zusatzfach, sondern ein Qualitätsmerkmal guter Medizin.
Sie haben europäische Leitlinien untersucht. Wo sehen Sie die grössten Defizite?
Unsere Analyse zeigte, dass weniger als ein Prozent der Empfehlungen geschlechtersensible Aspekte berücksichtigt – und wenn doch, dann meist im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Fruchtbarkeit. Das greift zu kurz. Uns geht es auch um Fragen wie: Wirken Medikamente bei Frauen und Männern gleich? Brauchen sie unterschiedliche Dosierungen oder Diagnostik? Häufig fehlen dafür noch die Daten. Leitlinien sollten diese Wissenslücken deutlicher benennen. Das verbessert die Versorgung und macht sichtbar, wo weitere Forschung nötig ist.
Was wäre für Sie ein Erfolg?
Wenn wir nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob das Geschlecht berücksichtigt werden sollte, sondern nur noch darüber, wie wir Medizin insgesamt präziser machen. Geschlecht ist dabei ein wichtiger Baustein. Am Ende geht es nicht um Frauen- oder Männermedizin. Es geht um eine Medizin, die für jede einzelne Person besser passt.
Über Sabine Oertelt-Prigione
Blick über Grenzen: Unterschiedliche Wege, gemeinsames Ziel
Sabine Oertelt-Prigione hat in Italien, den USA, Grossbritannien, Deutschland und den Niederlanden studiert oder gearbeitet. Diese internationale Erfahrung prägt auch ihren Blick auf die geschlechtersensible Medizin.
«Für medizinische und wissenschaftliche Herausforderungen gibt es selten nur einen richtigen Weg», sagt sie. Gesellschaftliche, politische und organisatorische Rahmenbedingungen unterscheiden sich von Land zu Land – entsprechend entwickeln sich auch Forschung und Versorgung unterschiedlich.
Als Beispiel nennt sie Deutschland und die Niederlande: In Deutschland liegt der Schwerpunkt derzeit auf dem strukturellen Aufbau. An der Medizinischen Fakultät in Bielefeld werden Lehrpläne weiterentwickelt, Lehrveranstaltungen überprüft und Dozierende dabei unterstützt, Sex- und Genderaspekte systematisch in die Ausbildung einzubinden. In den Niederlanden dagegen lassen sich neue Ideen häufig schneller im klinischen Alltag erproben – etwa digitale Anwendungen oder Chatbots für eine geschlechtersensible Kommunikation.
Für Oertelt-Prigione sind beide Ansätze wichtig: Der eine schafft nachhaltige Strukturen, der andere beschleunigt Innovationen. Entscheidend sei nicht ein bestimmtes Modell, sondern der Weg, der zum jeweiligen Gesundheitssystem und zur gesellschaftlichen Kultur passt.



